Workshop 2018

Was ist sozial angemessen? Forschung zu Kulturtechniken des Verhaltens

Der Workshop findet von 28. – 29.11.2018 an der Universität Bielefeld (CITEC – Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie) statt.

Sprecher sind u.A.: Prof. em. Dr. Dietrich Busse (Sprachtheorie, Linguistik, Framesemantik), Prof. Dr. Carolin Schuster (Sozialpsychologie), Prof. Dr. Andreas Diekmann (Soziologie, Kooperationsforschung), Dr. Verena Thaler (Sprachliche Höflichkeitsforschung), Dr. Susanne Hardecker (Verhaltenspsychologie sozialer Normen), Dr. Katharina Bauer (Philosophie), Prof. Dr. Dr. Juliane House (Sprachlehrforschung, Höflichkeitstheorien), Dr. Katharina Vogt und M.A. Sören Faika (RespectResearchGroup), Dipl. Soz. Christa Fricke (Institut für Sozialforschung), Philipp Graf (TU Berlin) und Dipl.Psych. Ulrich Hößler.

Programm

Hier finden Sie das aktuelle Workshop Programm

Sessions – Kurzbeschreibungen

I. Rahmensetzungen sozialer Angemessenheit
Verschiedene Situationen verlangen verschiedene Verhaltenskodizes: was wann von wem als sozial angemessen empfunden wird, hängt stark davon ab, in welchem Rahmen die Interaktion stattfindet. Wer in einem klassischen Konzert plötzlich einen starken Hustenreiz empfindet, weiß – insofern ihm die Rahmung des Konzerts mit seinen dazugehörigen Regeln bekannt ist – was zu tun ist: der soziale Kontext gebietet, den Reiz zu unterdrücken oder den Raum zu verlassen. Warum darf auf einer Theaterbühne anders gehandelt werden, als im Büro; wie verändert sich die Bedeutung von Worten, je nachdem wo, von wem und wie sie vorgetragen werden? Warum versuchen wir höflich zu sein und inwiefern sind wir von unangemessenem Verhalten anderer bedroht? Welches Weltwissen benötigen Beobachter, um beurteilen zu können, wann Verhalten als angemessen einzustufen ist und wann nicht?
Die Session behandelt diese und ähnliche Fragen unter der Beachtung von Rahmensetzungen, derer es zur Beschreibung, Analyse oder Erklärung des Phänomens sozialer Angemessenheit bedarf. In den Blick kommen dabei so unterschiedliche, wie interdisziplinäre Begriffe wie Skripttheorie, Framesemantik und Schemata, Theorie des Angesichts und der Face-Threatening Acts, des Habitus, der sozialen Felder – aber auch Systeme und Umwelten, soziale Simulation oder soziale Normen begrenzen, umreißen und definieren das wissenschaftliche Verständnis von sozial angemessenem Verhalten und dessen Bewertung.

II. Wie zeigt sich soziale Angemessenheit?
Ein Gruß, ein Stolpern, eine abgebrochene oder überschwängliche Geste, ein verzerrtes Gesicht, das Bild einer glücklichen Familie, der Geruch von Angst oder Erfolg, ein langer Blick, ein guter Anzug, ein flapsiges oder edles Wort, ein errötetes Gesicht, eine Statustransaktion oder ein Gesprächspartner, der immer einen halben Meter zu weit weg steht:
In dieser Session geht es um die Observablen des Phänomens sozialer Angemessenheit: anhand welcher Merkmale kann erkannt werden, ob ein Verhalten als angemessen oder unangemessen zu bewerten ist? Kriterien für soziale Angemessenheit lassen sich dabei als Status-Kriterien und als Raumzeit-Kriterien zusammenfassen: Status umfasst Merkmale wie Stimme (Tonlage, Lautstärke), Gestik und Mimik, Körperhaltung, Blick, Sprachgebrauch, symbolisches Kapital, Rollenidentität, Geschlecht und körperliche Distanz. Aber auch in Raum und Zeit kann sich die Angemessenheit einer Handlung zeigen: ein Weg kann versperrt werden, der kairos verpasst oder genau getroffen werden. Ein Zögern bei der Raumeinnahme kann angemessen sein, wenn beispielsweise eine photographische Aufnahme gemacht werden soll, bei der man zwischen Motiv und Blende geriete, sowie es angemessen und symbolisch sein kann, sich einen Raum in bestimmter Weise anzueignen.

III. Wandlungsprozesse sozialer Angemessenheit
Soziale Angemessenheit bzw. die Wahrnehmung derselben ist ein gesellschaftliches Phänomen. Was in einer Kultur oder in einer Epoche je als sozial angemessen wahrgenommen wird, kann in einem anderen Kulturkreis oder einer anderen Zeit als sozial unangemessen empfunden werden. Soziale Angemessenheit ist demnach kulturspezifisch und unterliegt gesellschaftlichen, zeitlichen, habituellen und anderen Wandlungsprozessen. Daraus ergeben sich verschiedene Fragen: Wodurch verändert sich das Konzept sozialer Angemessenheit? Wie verändert sich das Konzept sozialer Angemessenheit in Abhängigkeit von unterschiedlichen Einflussfaktoren? Diese Session beschäftigt sich mit dem Einfluss dieser Faktoren auf die sich wandelnde Wahrnehmung und Geltung sozialer Angemessenheit.

IV. Entstehungsprozesse sozialer Angemessenheit
Die Bewertung von Ereignissen und Handlungen als sozial angemessen bzw. unangemessen ist nicht angeboren, sondern wird im Laufe der Sozialisation in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Konventionen erworben. Diese Sozialisation beginnt im frühesten Kindesalter mit der Wahrnehmung der Interaktionsmuster der umgebenden Personen und kann sich bis ins Erwachsenenalter ziehen. Diese Session beschäftigt sich daher mit den Fragen: Wie wird die Wahrnehmung von sozialer Angemessenheit entwickelt und erworben? Welche Faktoren beeinflussen diese Entwicklung und wovon hängt eine „erfolgreiche“ Sozialisation ab? Und was definiert eine erfolgreiche Sozialisation bzw. grenzt sie von einer weniger erfolgreichen Sozialisation im Hinblick auf soziale Angemessenheit ab? Im welchen Verhältnis steht all dies zur Genese sozialer Normen überhaupt?
Abgesehen von der ontogenetischen Perspektive kann aber auch aus phylogenetischer Perspektive gefragt werden, wie soziale Angemessenheit als eine Dimension von Interaktion eine Rolle zu spielen begonnen haben könnte. Inwiefern gibt es beispielsweise im Tierreich Sanktionen sozial unangemessenen Verhaltens? Wie wird die Angemessenheit von Sozialverhalten unter Tieren verhandelt, beobachtet und organisiert?

V. Höflichkeitsforschung
Die Höflichkeitsforschung als wachsendes Wissenschaftsgebiet fragt nach der Genese und Nutzung von kommunikativen Räumen, der sozialen Bedeutung von Worten und Floskeln und umfasst unter anderem linguistische, soziologische, interaktionstheoretische und kulturtheoretische Ansätze, sowie eine Theorie der Anerkennung. Sowohl soziologische Variablen (vgl. II: Gender, ethnische Zugehörigkeit, Auftreten), wie Kontextabhängigkeiten (vgl. I: Habitus, Kapital, Feld, Kultur) werden untersucht und genutzt, um Höflichkeit zu begreifen. Phänomene der sozialen Angemessenheit wie das Danken, das Bitten, das Absegnen, das Fordern und die „Wahrung des Gesichts“ können so formalisiert und beschrieben werden.
In dieser Session stellen Höflichkeitsforscher ihre Ergebnisse vor, wir diskutieren inwiefern diese das Phänomen der sozialen Angemessenheit abbilden und vergleichen die Ergebnisse der Höflichkeitsforschung mit den Ergebnissen anderer Forschungsbereiche.

An einer Teilnahme Interessierte können sich bei Dr. Ricarda Wullenkord melden: rwullenk@cit-ec.uni-bielefeld.de